EWIGES WACHSTUM

„Wir lernen aus der Geschichte, dass wir aus der Geschichte nichts lernen.“
Mahatma Gandhi

Wie wahr diese Aussage doch ist – in so vielen Bereichen hat sie Gültigkeit und in Zeiten wie diesen ist sie hochaktuell.

Unser momentanes Wirtschaftssystem redet uns ein, es gäbe unendliches Wachstum und wir könnten und müssten sogar dauerhaft konsumieren, damit die Wirtschaft keine Krise erleidet, was ja dann auch unseren Arbeitsplatz betreffen würde. Nein, sie muss von Jahr zu Jahr sogar noch ein paar Prozent zulegen.

Ich möchte dies anhand eines Beispiels veranschaulichen:

Ein Bäcker zieht in einen Ort mit 200 Einwohnern und es gibt dort noch keinen Bäcker. Da er sich über seine Erfolgsaussichten noch nicht im Klaren ist, backt er am ersten Tag 50 Brote. Diese sind natürlich schnell vergriffen. Also produziert er am nächsten Tag 100 Brote. Auch diese haben kurz nach Öffnung der Bäckerei den Besitzer gewechselt. Für den nächsten Morgen bietet er sogar 200 Backwaren zum Verkauf an, welche nicht lange in den Brotkörben bleiben. Nachdem er in so kurzer Zeit ein Wachstum von 400% erreicht hat, ist er plötzlich über seinen Erfolg erstaunt und backt für den Folgetag 400 Brote. Auf einmal bleiben 200 Brote übrig, die er weg werfen muss. An dem Tag beichtet ihm auch noch der Müller, dass, wenn der Bäcker weiter Tag für Tag immer mehr Brote produziert, er den Bedarf für so viele Brote am Tag einfach nicht mehr bedienen kann, weil sich seine Vorräte an Mehl dem Ende neigen. Nun erkennt der Bäcker, dass er mehr als 200 Brote am Tag einfach nicht verkaufen kann. Und selbst wenn er nur 202 Brote zubereiten würde, blieben 2, also 1 % übrig.

Was lernen wir aus dem Beispiel?

  1. Auch wenn es eine Zeit lang gut läuft und das Wachstum enorm ist, ist die Nachfrage irgendwann gedeckt, und irgendwann ist auch ein noch so kleines Wachstum einfach nicht mehr möglich.

  2. Wenn wir, ohne auf die Ressourcen zu achten, nur das Wachstum im Auge haben, verschwenden wir unsere Lebensgrundlage.

  3. Alles, was Überproduktion ist, wandert in den Müll und ist somit eine Verschwendung von Ressourcen und Arbeitskraft.

Es gab in der Weltgeschichte bereits einige Beispiele für so genannte Hochkulturen, die aufgrund ihres Raubbaues an der Natur unumkehrbare Veränderungen in ihrer Umgebung verursachten, so dass sie nahezu komplett von der Bildfläche verschwanden. Der wohl bekannteste überlieferte Fall dürften die Bewohner der Osterinsel sein. Mit ihren Skulpturen aus Stein geben sie noch heute der Wissenschaft Rätsel auf, so richtig dumm können sie also nicht gewesen sein. Doch wie konnte ein Volk, das solche Monumente erschaffen hat, fast komplett aussterben?

Über die Besiedelung ist man sich nicht im Klaren. Tatsache jedoch ist, dass es auf der dem Wind ausgesetzten Insel neben vielen Palmen kaum andere Pflanzen und Tiere gab, die zur Nahrung dienten. Als die Rapa-Nui begannen die Palmen abzuholzen (man spricht von 10 – 16 Millionen Stück), verschwanden auch die Tiere, ihres Rückzugsortes beraubt, und auch die wenigen Pflanzen konnten ohne die Palmen der durch den Wind hervorgerufenen Erosion nichts entgegen setzen. Nachdem sie ihre Lebensgrundlage vernichtet hatten, schrumpfte die Bevölkerung enorm (manche Stimmen sprechen sogar von Kannibalismus) und durch Europäer, die die Osterinseln als Zwischenstop für ihre Kreuzfahrten nutzten, eingeschleppte Krankheiten erledigten fast den Rest.

 

Die Behauptung es gäbe ewiges Wachstum, und dass das auch noch erstrebenswert und in unserem Sinne sei, ist sowohl aus ökonomischer als auch ökologischer Sicht absoluter Schwachsinn und birgt sogar ein enormes Risiko.

Die einzigen, die wirklich von Wachstum profitieren, sind die Konzerne. Und die betreiben Raubbau an unserem Heimatplaneten, als ob sie noch zwei oder drei Erden in der Hinterhand hätten, von denen wir nichts wissen. Vorteile des Wachstums haben sowieso nur die Bewohner der ersten Welt. Und wenn der Markt gesättigt ist, werden hirnrissige Gesetze, Verordnungen oder Programme eingebracht, um das Wachstum wieder künstlich anzukurbeln. Beispiele hierfür sind die Abwrackprämie, geplante Obsoleszenzen oder die Europa-Gesetze zu Staubsaugern und zur Energiesparlampe.

Das mutwillige Verschwenden von unseren Steuergeldern und Einkünften, also unserer Arbeitskraft, als auch unserer natürlichen Ressourcen soll also in unserem Sinne sein?

 

Nach einer Zeit, in der alles in Trümmern lag und viele Tote zu beklagen waren, war Wachstum nahezu unausweichlich. Erstens wollte man den gewohnten Lebensstil von vor dem Krieg nicht missen und durch die wieder anwachsende Bevölkerung musste die Versorgung für mehr Menschen gewährleistet sein.

Da jeder Arbeit hatte, die landwirtschaftliche und bereits die 2. industrielle Revolution abgeschlossen waren, gab es, natürlich auch dank des Entwicklungspotentials, für jeden die Chance auf Wohlstand – in allen Bereichen. Wer viel leistete, gute Ideen hatte oder die Zeichen der Zeit, also Trends, rechtzeitig erkannte, hatte die Gelegenheit sich eine solide Lebensbasis aufzubauen. Resultat dieses schnell anwachsenden Reichtums war der so genannte Babyboom zwischen den 1950er und 1960er Jahren, also ein rascher Bevölkerungsanstieg. Dieser Zuwachs an Konsumenten sorgte natürlich wiederum für ein Folgewachstum und damit auch ein Steigen der Einkünfte von Unternehmern und Angestellten. Dieses Mehr an zur Verfügung stehende Geld bildete den Grundstein für unsere heutige Konsumgesellschaft. Die für einen stetig wachsenden Markt notwendigen Vorraussetzungen wurden in dieser Zeit durch eine immer weiter fortschreitende Technisierung geschaffen. Hand- und Haushaltsarbeiten erledigten auf einmal Maschinen, oder sie halfen uns zumindest dabei. Das gleiche passierte in Fertigungsprozessen und vervielfachte die Produktionsleistung des einzelnen. Die dadurch gewonnene Zeit begannen wir uns mit dem Fernseher und anderen Spielereien zu vertreiben. Und wieder konnte die Wirtschaft wachsen, allein durch die Tatsache, dass sie uns die Möglichkeit gab, unser Leben angenehmer zu gestalten und mehr Freizeit zur Verfügung zu haben.

Wenn man diese Entwicklung betrachtet, ist es nicht ungewöhnlich, dass die Wirtschaft auf ewig mit mindestens zweistelligen Zuwachsraten rechnet.

Ich bin in meinem Leben des Öfteren über eine damals gestellte Frage gestolpert. Was werden die Menschen in naher Zukunft mit all ihrer Freizeit machen? Wenn die Maschinen die Fertigungsprozesse weitestgehend übernommen haben und Nahrung für alle zur Verfügung stehen würde? Diese Vision hätte nach der dritten industriellen Revolution ohne Probleme umgesetzt oder zumindest angestoßen werden können… Hätten nicht gewisse Gruppen ein größeres Interesse an ihrem absolut übertriebenen Lebensanspruch als an einem Gemeinwohl. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir mit heutigen technischen und wissenschaftlichen Möglichkeiten in einer nachhaltigen, ökologischen, ressourcenbasierten und fairen Welt leben könnten. Ich wage mir gar nicht vorzustellen, wie viele Rohstoffe bereits in Kriegen um Bodenschätze radikal verschwendet wurden – von den ökologischen Folgen gar nicht erst zu reden.

Ganz zu schweigen von den so genannten „Verteidigungs“-Etats. Versucht euch vorzustellen, was das ganze technische Wissen, das in alle modernen Kriegsgeräte, Waffen, also A, B und C, konventionelle und psychologische Kriegsführung und deren Entwicklung, eingesetzt für friedliche Zwecke hätte bewirken können. Auch die ganzen monetären Mittel allein schon hätten lange gereicht, um überall auf der Welt Infrastruktur, Bildung und Ernährung zu gewährleisten und auf viele Jahre zu sichern – und das Ganze natürlich ressourcenbasiert.

Was erleben wir aber tatsächlich? Arbeitslosigkeit auf der einen, zwei arbeitende Partner auf der anderen Seite. Immer schneller voranschreitender Raubbau an unserer Natur und Umweltkatastrophen. Weltweite Landnahme der Nahrungsmittelproduktions-Giganten und Verdrängung kleiner, ökologischer Betriebe. Immer mehr Quantität und weniger Qualität in allen Bereichen.

 

Ein gigantisches Wachstum ist jetzt notwendig – das letzte! Und zwar um genau diese Vision einer besseren Welt zu erreichen. Noch haben wir die Rohstoffe um den notwendigen Richtungswechsel zu schaffen. Erneuerbare Energien sind vorhanden, nutzen tun wir sie bereits. Aber in viel zu geringem Maße und auch schon wieder nicht nachhaltig. Wir müssen bei zukünftiger Produktion Recycling und modulare Erweiterungsfähigkeit in den Vordergrund stellen. Wir dürfen uns nicht weiter von Trends und Modeerscheinungen zu unnötigem Konsum verleiten lassen. Niemand muss sich die Shoppingtour, die ja manchmal einfach Balsam für die Seele ist oder einfach um sein Belohnungszentrum zu stimulieren, verkneifen. Aber wir müssen lernen bewusster zu konsumieren. Wenn sich ein Produkt oder seine Verpackung nicht wieder verwerten lassen, sollten wir davon Abstand nehmen. Glasflaschen sind zwar schwerer und können zerbrechen, haben aber überwiegend positive Eigenschaften. Die notwendigen Rohstoffe kommen zum Beispiel auch in Deutschland vor, sind leicht zu gewinnen und zu verarbeiten. Glas kann zu 100% recycelt werden und wieder in die Neuproduktion einfließen, das heißt es kann nicht nur minderwertig verwendet werden und landet dann schlussendlich doch im Müll.

 

Unsere Wirtschaft hat keine Krise. Die Regale sind so voll, dass wir die gefertigten Waren gar nicht verbrauchen können. Die Wirtschaft macht nur weniger Gewinne – und das ist ihre Krise. Das ist mitunter ein Grund, warum sich speziell die Wirtschaft über die neu hinzukommenden Menschen freut: es kommen neue Konsumenten in ein Land, in dem man die hohen Preise für die zum Teil absolut überteuerten Waren und Medikamente bezahlt. Ob das Geld über Steuern für die Migranten umverteilt wird, oder ob diese ihr eigenes Geld aufwenden, ist den Konzernen absolut egal. Außerdem werden alle Menschen unter extremen Druck gesetzt, so dass sie sich zukünftig sogar freiwillig mit Lohndumping unterbieten werden, was wiederum höhere Gewinne bedeutet. Diese Minimaleinkünfte werden Familien wieder dazu nötigen, mehr Kinder in die Welt zu setzen, um das Überleben zu sichern – 3. Welt auch in Europa. Dass diese Entwicklung bedeutet, dass eine Menge Menschen durch das soziale Raster fallen werden und das Sozialsystem zusammenbrechen wird, interessiert die Besitzer der Betriebe null. Sie tragen als Besserverdienende und aufgrund des Charakters ihrer Unternehmung eh nichts zum Sozialausgleich bei – damit ist diese Entwicklung für diese keine Win-Win, sondern eine Double-Win Situation.

Wenn die Rohstoffe am Ende sind, dann wird es uns gehen wie den Rapa-Nui. Wir müssen jetzt die verbliebenen Ressourcen und unser Wissen nutzen, um die letzte industrielle Revolution zu bewältigen und die Kehrtwende schaffen.

Ansonsten behält Ghandi auch in Bezug auf die heutige Generation Recht…

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